Geleitwort zur Ausstellung

PAUL WIEGHARDT RETROSPEKTIVE

Paul Wieghardt wurde vor 75 Jahren in Lüdenscheid geboren. In seiner Person vereinigen sich zwei Begabungen: der Maler und der Lehrer. In Chicago stand Paul Wieghardt in dem Ruf, der Professor zu sein, bei dem die besten Schüler studieren wollten. Zu seinen Studenten zählten so unterschiedliche Talente wie der „numbers"-Künstler Robert Indiana und der Maler, Bildhauer und Objektemacher Claes Oldenburg.

Als Maler blieb Paul Wieghardt, trotz großer Erfolge und zahlreicher Ausstellungen, der kommerziellen Kunstszene gegenüber zurückhaltend und skeptisch. Durch das Bestreben, in seinem Schaffen unabhängig vom Kunsthandel zu bleiben, verengten sich die Möglichkeiten, über die Grenzen der USA hinaus bekannt zu werden.

Die Kunstgemeinde Lüdenscheid in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Lüdenscheid übernimmt mit der Organisation dieser Ausstellung die Aufgabe, das Werk Paul Wieghardts in seinen verschiedenen Entwicklungsphasen zu dokumentieren.

Frühe Arbeiten entstanden vermutlich auf Wanderungen in der Umgebung seiner Heimatstadt. Mit einer vorsichtig überlegten Malweise kann die Landschaft aus dem Jahre 1915 (Nr. 1) als typisch für die ersten Malversuche des damals Siebzehn-jährigen angesehen werden. Erste wirkliche Dokumente seines künstlerischen Schaffens sind die in der Dresdner Zeit zwischen 1925 und 1931 gemalten Landschaften und Porträts. Mit starkem, pastosem Farbauftrag werden die Bilder jetzt vital und spontan gemalt. Seine Arbeiten sind nicht mehr allein eine exakte Darstellung irgendeines Motivs, sondern nun auch das Medium für eine Meinung oder ein Kommentar zu dem, was der Künstler sieht und was ihn bewegt. Wieghardts Lehrmeister scheinen die großen Impressionisten der Generation um Liebermann und Sievogt zu sein; auch eine Verwandtschaft zu Arbeiten seines damaligen Ateliernachbarn Oskar Kokoschka läßt sich aus einigen Bildern jener Zeit ablesen. Eine  erste ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Bild als Ordnung verschiedenfarbiger Elemente und experimenteller Malweise ist deutlich feststellbar: „Geschwister" (Nr. 2), „Hundebrink" (Nr. 3), „Porträtstudie" (Nr. 4), „Zwei Mädchen am Tisch" (Nr. 5), „Sitzende" (Nr. 6) und „Xenia" (Nr. 7).

Die nächsten acht Jahre in Paris, Portugal und Norwegen sind maßgebend für Wieghardts weitere Entwicklung. Seine Palette wird durch die neue Umgebung aufgehellt und bereichert. Der Künstler hat sich dem Einfluß Bonnards und anderer „Intimistes" geöffnet. Auf seinen Bildern erscheinen erstmalig Zusammenstellungen menschlicher Figuren vor einem geometrisch-architektonischen Hintergrund oder einbezogen in ihn: „Herthi am Fenster" (Nr. 11), „Der rosa Wandschirm" (Nr. 15), „Stehende Frau mit Stilleben" (Nr. 16), „In der Wäschekammer" (Nr. 19).

Von besonderer Bedeutung für die künftige Entwicklung des Malers ist die radikale Veränderung seiner malerischen Handschrift. Der noch Ordnung und Übersichtlichkeit bekundende Pinselstrich aus der Zeit vor dem Studium und das intuitive Malen in der Dresdner Epoche, das wie ein Vorahnen des „action painting" der fünfziger Jahre

 

 

 

anmutet, enden hier. In Paris zeigt es sich, dass Wieghardt Material und Technik meisterhaft beherrscht: flach ausgemalte Flächen, hauchdünne, luftige Lasuren und fast skripturale Pinselstriche verleihen den Bildern eine eigene Sensibilität. Form und Bedeutung finden sich in unbeschwertem Einklang - ein Höhepunkt, mit dem sich manch anderer schon zufrieden gegeben hätte. Hier könnte man fragen, wie wohl die Entwicklung des Künstlers verlaufen wäre, hätte der Krieg ihn nicht aus Europa nach Amerika vertrieben, aus der alten Welt in eine neue und - zu neuen Höhepunkten. 

Für Wieghardt war das Landschaftsbild viele Jahre Hauptträger seiner malerischen Experimente; das zeigte sich deutlich während seiner Studien in Portugal und Norwegen. Auch in Amerika malte er in der ersten Zeit noch Landschaften. Von diesen ist das Bild „Westfield Ftiver" (Nr. 24) von großer Wichtigkeit, zeigt es doch unter den ersten in Amerika gemalten Bildern immer noch jene Malweise, die Wieghardt bereits in Europa anwandte.  

Es reiht sich in seiner Ausführung fast nahtlos an die Landschaften aus Portugal und Norwegen. Die einschneidenden Erlebnisse der Emigration führten nicht zu einem Bruch in seiner künstlerischen Entwicklung. Von dem, was er in Paris sah und erlebte, erprobte und erwarb, ist nichts verlorengegangen. Das beweist auch „Mexican Rugs" (Nr. 22), ein Bild, das in Massachusetts entstand, wo Wieghardt bis 1943 lebte. Es lässt noch keine entscheidende Abwandlung von seinem Pariser Stil erkennen. Zeugnisse einer beginnenden Veränderung sind die Bilder, die in den Jahren 1943 bis 1946 in Philadelphia entstanden: „Still Life B" (Nr. 26), „Sculpture in a Still Life" (Nr. 27), „Girl with Two Cats" (Nr. 28), „Jeune Fille Endormie" (Nr 29). Die ersten Erfolge in Amerika machen sich in dieser Zeit bemerkbar; viele Bilder werden von privaten und öffentlichen Sammlungen erworben. 

Nach seiner Berufung als Professor an die Schule des Art Instituts in Chicago beginnt 1946 Wieghardts Malerei ihre endgültige Form zu finden. Thematisch beschränkt er sich immer mehr auf die menschliche Gestalt im Raum. Es folgt ein ununterbrochenesSpiel zwischen Figur und Raum, wobei sich die figürlichen Elemente vor oder getrennt von dem Hintergrund befinden oder sich in die räumliche Umgebung einordnen, die sich in großzügig angelegten Flächen auflöst. Eine ganz besondere Bedeutung gewinnt die Farbe. Häufig wird sie in Bildtiteln erwähnt: Blaue Maske, Grün und Gelb mit Variationen, Roter Sessel etc. 

1952 entstehen die ersten großformatigen Bilder. Das feste Domizil nahe dem Michigansee, in Wilmette bei Chicago, und die erworbene wirtschaftliche Sicherheit tragen zu dem unaufhaltsamen Reifungsprozess bei, der in den kommenden Jahrenin immer großformatigeren Werken seinen sichtbaren Ausdruck findet. Immer mehr wird die reale Form auf notwendigste Merkmale abstrahiert. Neben dem Auswägen von Farbe, Linie und Fläche steht die Auflösung der Figur und ihre Verschmelzung mit dem Hintergrund: „Earth" (Nr. 72), „Mysterious Blue (Nr. 73), „Alagonta in Grey" (Nr. 76). Das Bild ist nicht mehr, wie zuvor, Träger von Zeichen für Dinge es ist nunmehr in sich selbst zu einem Ausdruck der vergeistigten Erlebniswelt des Künstlers Paul Wieghardt geworden.