Johann Peter Wieghardt - Presseberichte


Aus "Ich sehe was,was Du nicht siehst! -
Junge Kunst hat ihren Auftritt im Staatstheater"

Johann Peter Wieghardts bemalte Holzplastiken, die viel Spiel- und Bastelfreude verraten, erinnern an archaische oder vorbewußte, assoziationsreiche Bilderwelten. Die Schiffe, das Meer, die Seefahrt als Suche, Spiegel und blicklose Gesichter. Die vielen Masken des Lebens als Tore zu einer anderen Welt? Eines der Schiffe ist auf den Fuß eines kleinen Schaukelstuhls montiert. Die Arbeiten erscheinen als Chiffren für das Auf und Ab des menschlichen Lebens in beständigem Wandel, innerer Heimatlosigkeit und ohne die festen Begriffe von Identität oder Persönlichkeit. Diese Archetypen eines immer auch kindlichen Vorbewußten manifestieren sich in kettenbesägtem Holz und erzählen farbig und bilderreich Geschichten, die Mythen heraufbeschwören - und das kann durchaus Puppenstubencharakter annehmen und an Kinderbastelei erinnern (Bootsmodelle, Bollerwagenräder, Stehaufmännchen) ohne dabei lächerlich zu wirken. Ein Augenzwinkern ist sicher dabei.
(Antje Herms)


Segelohr und Rattenschwanz
Museumstiere und andere Gedanken im Sprengel Museum

Hannover (pia). Das Sprengel Museum Hannover zeigt bis zum 28. Februar '96 "Segelohr und Rattenschwanz", eine Kunstausstellung für Kinder von den drei jungen Künstlem Sybille Hotz, Thorsten Koch und Johann P. Wieghardt aus Braunschweig. Im Gegensatz zu den anderen Kunstwerken im Museum ist diese Kunst zum Anfassen, hat animatorische Qualität und ergänzt die Phantasiewelt der Kinder. Allen Bildern, Skulpturen und Objekten dieser Ausstellung ist ein spielerischer Umgang gemeinsam: Ein riesiger Kopf von Johann P. Wieghardt - dem des "Strubbelpeter" ähnlich - mit einer begehbaren Zunge, mit Ohren und Haaren, an denen man ziehen kann, bildet den Anfang der Ausstellung. Eine zweite Arbeit von Wieghardt führt in die Welt der Piraten und Seeräuber...


SPRENGEL MUSEUM / Kunst für Kinder
Von der Erdkugel gefallen

Er glotzt einen mit großen Augen an und streckt seine lange Zunge heraus. Er hat rührende Segelohren und auf der Glatze- einige wenige Haare, die man langziehen kann. Der riesige Holzkopf ist ein Kunstobjekt - aber eines der besonderen Art. Er steht auf der Treppe zum Kinderforum im Sprengel Museum, wo jetzt die Ausstellung "Segelohr und Rattenschwanz" von den drei Künstlern Sybille Hotz, Torsten Koch und Johann Wieghardt eröffnet wurde. Und da war Spielen und Toben angesagt. Denn einmal am Museumswärter Wesslowski vorbeigekommen, konnten die kleinen Kunstkenner einige Wunderlichkeiten entdecken: Eine Schatzkiste nit allerlei Piratenzubehör und eine blaßgrüne Blumenranke, die sich um einen Betonpfeiler schlängelt. Kunstwerke zum Anfassen und sogar zum Anziehen - wie die wundersamen Kleidungsdetails aus rot-grauem, gepolstertem Stoff von Sybille Koch. Größte Attraktion war der Schiffsbug von Johann Peter Wieghardt. Mit armdicken Holzstiften ("die schreiben ja richtig, wie haben die das bloß gemacht?") konnten die kleinen Piraten richtige Schatzkarten malen. Wie das Holzschiff ins Museum kam, erzählte Matthias Wesslowski, der eigentlich gar kein Museumswärter, sondern Maschseekapitän ist. Von ihm konnten die Kinder zum Beispiel lernen, wie man eine Cola-Flasche im Fernrohr verschwinden läBt. Kinder und Erwachsene waren verblüfft. Als Wesslowski aber über die andere Seite der Erdkugel klagte, "wo ja alles immer herunterfällt", meinte ein Jung-Physiker nur: "So'n Quatsch!"


Kleine Freiheit, große Sehnsucht: Zweimal Wieghardt im Museum
Eine Ausstellung von hohem Reiz

Lüdenscheid (and) - Eins plus eins gleich zwei. Für Johann Peter Wieghardt bedeutet die Gleichung nicht das Maß aller Dinge. Der Künstler nimmt ein wenig hiervon. ein bißchen davon. fügt alles zusammen, und es entsteht - alles andere als ein Ergebnis. Die Arbeiten von Wieghardt sind vielschichtig, lassen diese und jene Deutung zu. Immer aber erzählt Johann Peter Wieghardt von Träumen: "Der Mensch lebt in seiner festgefahrenen Welt, aber er träumt von der Freiheit." Den Sehnsüchten gibt er in seinen Arheiten Ausdruck: Er erzählt von Schiffen, die eine "kleine Freiheit" sind, modelliert die Ideen seiner Nichte, entwirft Karten und vergräbt Schätze. Immer aber lassen seine Arbeiten viele Sichtweisen zu. Sie sind nicht ein Ergebnis langwieriger Denkprozesse, sondern spielerische, vielschichtige Traumwelten. Eine Ausstellung mit Arbeiten des Künstlers ist ab heute in den Museen zu sehen. Doch nicht nur Johann Peter Wieghardt stellt aus. Galerieleiter Uwe Obier ist es gelungen, diese Arbeiten gemeinsam mit denen von Paul Wieghardt, des 1969 in den USA gestorbenen Großonkels. zu zeigen. So entstand eine Ausstellung von hohem Reiz. Eine Ausstellung, die von den Einflüssen des Grossonkels auf den Großneffen zu erzählen weiss. Doch davon sollten sich die Besucher selbst ein Bild machen.
Lüdenscheider Nachrichten 27.7.97


Wieghardt/Wieghardt: Zwei Künstler, zwei Generationen
Der Mensch im Bild und die Wahrnehmung des Menschen

Lüdenscheid. (ja) Ein typischer Sauerländer ist Johann Peter Wieghardt wohl kaum. Zwar ist er in Lüdenscheid aufgewachsen, heute aber ist er nur noch selten hier. Und dann fühlt sich der 31jährige Künstler, der zur Zeit in Kanada lebt, "wirklich zu Hause". Deshalb hat er auch eines seiner Werke "Sauerländer Lokalpatriotismus" betitelt. Zu sehen ist die Zigarrenkiste der Marke Churchill mit einem (echten) Sauerländer Stein darin - Wieghardt schafft so eine Verbindung zwischen Ferne ("dem Traum von Freiheit") und Nähe - ab heute in den Museen der Stadt Lüdenscheid am Sauerfeld. Dort werden bis zum 17. August erstmals gleichzeitig Werke von Johann Peter Wieghardt und seinem Großonkel Paul Wieghardt gezeigt. Johann Peter Wieghardt hat sich das schon lange gewünscht. Und sei es nur, so der junge Mann, "um zu sehen, inwieweit mich mein Großonkel beeinflußt hat". Gekannt hat er Paul Wieghardt, der 1931 aus Deutschland emigrierte, erst in Paris und zuletzt in Amerika lebte, nicht. "Aber mittlerweile fühle ich mich, als würde ich ihn kennen", sagt er heute. Schließlich ist der Mann, der Schatzkarten auf Elchknochen malt, mit dessen Werken großgeworden - mit Bildern von Menschen. Die Lüdenscheider Ausstellung zeigt von Paul Wieghardt, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, vor allem Zeichnungen, die zum größten Teil in Dresden, Paris und Amerika entstanden sind und eine Entwicklung des Künstlers deutlich werden lassen. Malte Wieghardt anfangs sehr figürlich, beschränkte er sich später oft auf nur wenige Striche, mit denen er die Gesichter und die Menschen umriß. Die individuelle, immer neue Wahrnehmung der Menschen stellt indes Johann Peter Wieghardt in den Mittelpunkt seiner Arbeit, bei der jeder Betrachter "seine eigene Wahrheit entwickelt". Einfaches Beispiel: "Die Ente von unten". Wieghardt hat den Teil einer Ente geschnitzt, der unter Wasser verborgen bleibt. Die Verbindung einer ganz kindlichen Wahrnehmung und einer ganz traditionellen Sicht hat er geschaffen, in dem er aus einem Holzkopf Arme statt Ohren wachsen läßt. Und er hat der Feuerwehr Rollschuhe verpaßt. "Dann wäre ein Feuerwehrmann ein anderer Mensch" - in den Augen der anderen. (Westfälische Rundschau Nr.149, Freitag, 27.6.97)


Ein Name, zwei Künstlergenerationen: Bilder und Objekte von Paul und Johann Peter Wieghardt in Lüdenscheid - Jeder schafft sich seine Wahrheit

Lüdenscheid. Geschnitzte Holzköpfe, aus denen statt Ohren Arme wachsen, stehen neben Tuschezeichnungen von Straßenszenen im Paris der 30er Jahre; ein Holzflugzeug mit Vogelkrallen statt Rädern neben Aquarellen von Hafenidyllen. Zwei Künstler zwei Generationen. In den Museen der Stadt Lüdenscheid wird heute eine Ausstellung mit Werken von Paul und Johann Peter Wieghardt eröffnet. Beide wurden in Lüdenscheid geboren: Der eine, Paul Wieghardt, 1897; der andere, Johann Peter Wieghardt, 1966 - drei Jahre, bevor sein Großonkel starb. Jetzt werden ihre Werke erstmals nebeneinander präsentiert. "Gewünscht habe ich mir das schon lange", gestand der 31jährige Johann Peter Wieghardt gestern, "schon um zu sehen, inwieweit mich mein Großonkel vielleicht beeinflußt hat". Paul Wieghardt, Schüler von Kandinsky und Klee, malte fast ausschließlich Menschen. Seine frühen, figürlichen Zeichnungen, die während des Studiums in Dresden und nach der Emigration 1931 in Paris entstanden, zeigen sie auf der Straße und in Kneipen mal augenzwinkernd (wenn etwa im Hintergrund ein Hund das Bein hebt), mal ernst. Später, in Amerika, veränderte er seinen Stil hin zu einer reduzierten, teils abstrakten Darstellungsform. Um die Wahrnehmung des Menschen geht es Johann Peter Wieghardt. Die Objekte des Mannes, der in Kanada lebt, rufen andere Assoziationen hervor. "Jeder schafft sich seine eigene Wahrheit" erklärt der gelernte Holzbildhauer anhand einer Installation mit winzigem Skelett in der Mitte. Der eine mag es abstoßend finden, der andere witzig. Mancher stellt sich die Frage, was es ist - Tier oder Mensch? "Von Tabea" hat er ein Objekt betitelt, in dem aus einem geschnitzten Kopf Arme wachsen. Verbunden hat er hier eine traditionelle Kunstform mit kindlicher Wahrnehmung. Kindheitserinnerungen wecken auch die (Piraten-)Schiffe, auf die der Künstler Bilder aus alten Filmen geklebt hat und den Traum von Freiheit weckt.
(Anja Luckas - Westfälische Rundschau Nr.149, 27.Juni 1997)


Auf der Suche nach dem Schatz Zweimal Wieghardt im Museum - Familientreffen auf künstlerischer Ebene

Lüdenscheid (and) - Ausstellungen an denen Lüdenscheider oder ehemalige Lüdenscheider beteiligt sind, sind immer ein Publikumshit. Häufig genug ist es eine Mischung aus Neugier und Kunstinteresse, die die Besucher zu den Ausstellungen lockt. Das gilt auch für die Präsentation, die zur Zeit in den Museen zu sehen ist. Doch diese Ausstellung bietet mehr. Hier stellen mit Paul Wieghardt und Johann Peter Wieghardt nicht nur zwei gebürtige Lüdenscheider aus. Die Exposition trägt den Charakter einer Familienbegegnung. Wie hat sich das Schaffen des Großonkels auf das des Großneffen ausgewirkt? Gibt es Verbindungen? Auch wenn Johann Peter Wieghardt es vielleicht nicht sehr gern hören wird: Die letztgenannte Frage ist mit einem klaren Ja zu beantworten. Bei beiden Künstlern steht die Figur im Raum im Mittelpunkt. Während sich Paul Wieghardt zeichnerisch und malerisch mit Personen auseinandergesetzt hat, schafft Johann Peter Wieghardt Traumwelten von Menschen für Menschen. Doch von vorn: Wer sich in Lüdenscheid mit Kunst beschäftigt, stößt unweigerlich auf den Namen Paul Wieghardt. Schon in den 30er Jahren hat der gebürtige Bergstädter Zeichen gesetzt. Dann jedoch verließ er Lüdenscheid und Deutschland. Die Nazi-Diktatur zwang ihn und seine Frau zu einer Odyssee kreuz und quer durch Europa und Asien bis nach Amerika. In den USA ließ er sich nieder und lehrte an Universitäten. In diesem Jahr wäre er 100 Jahre alt geworden. Die Ausstellung in den Museen ist beinahe retrospektiv angelegt. Gezeigt werden Zeichnungen aus den ersten Jahren seiner künstlerischen Tätigkeit, Radierungen, Bilder aus Norwegen, die wiedergeben, wie sich bei Paul Wieghardt eine Verzweiflung aufbaute. Die Ausstellung präsentiert erste amerikanische Eindrücke, die der Künstler noch mit billigen Wasserfarben angefertigt hat, weil das Geld für andere Materialien fehlte. Eine faszinierende Entwicklung: Während Wieghardt in den ersten Jahren noch sehr detailgetreu gezeichnet hat, begann er später zu reduzieren. Er entdeckte die Figur im Raum, gab ihr einen neuen Stellenwert. Diese Figur im Raum, sie prägt auch den jungen künstlerischen Werdegang von Johann Peter Wieghardt. Obwohl er sich als Bildhauer anderer Materialien bedient als sein Großonkel, dreht sich vieles um Menschen und Menschlichkeiten. Auch seine Arbeiten atmen den Hauch der Weite, erzählen von Sehnsucht und Fernweh. "Man lebt in seiner Welt und träumt von Freiheit", formuliert der Künstler, der sich kürzlich in Kanada niedergelassen hat. Doch Heimat, das ist und bleibt für ihn das Sauerland. So hat er eigens für die Ausstellung Arbeiten kreiert. Der "Sauerländer Lokalpatriotismus" gehört dazu oder ein Werk, in dem er sich augenzwinkernd mit dem Selvebrunnen direkt vor dem Museum auseinandersetzt. Auch wenn er die familiären Wurzeln nicht verbergen kann - Johann Peter Wieghardt hat einen ganz eigenen Weg des Schaffens gefunden. Das Spiel mit Ferne und Nähe hat bei ihm nicht diese existenzielle Bedeutung wie in den Arbeiten seines Großonkels. Johann Peter Wieghardt ist nicht "auf der Flucht", keine dunklen politischen Wolken beschatten sein Schaffen. Er spielt mit Fernweh, schafft verträumte Phantasie-Welten, in denen Piraten und Abenteurer auftauchen. Und so bewegt er die Betrachter, sich immer wieder mit der Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Gesehenes neu zu überdenken und zu begreifen. So hat er beispielsweise eine Schatzkarte voller verschlüsselter Symbole kreiert. Wer sich mit der Karte intensiv auseinandersetzt, wird belohnt. Johann Peter Wieghardt führt die Betrachter zu einem Schatz, den er selbst vergraben hat. Ob es schon jemandem gelungen ist, ihn zu finden? Der Künstler lächelt: "Einige waren schon nahe dran. Aber erfolgreich war noch niemand.'' Also los, werte Kunstfreunde. Vielleicht kann ja ein Landsmann oder eine Landsfrau von Wieghardt das Rätsel lösen. (Lüdenscheider Nachrichten, 15. Juli 1997)


Ein Treffen der Generationen ist zur Zeit in den Museen der Stadt Lüdenscheid zu erleben.

Galerieleiter Uwe Obier ist es gelungen, Arbeiten des vor 100 Jahren in Lüdenscheid geborenen und in den 60ern in den USA verstorbenen Kunstprofessors Paul Wieghardt gemeinsam mit denen des Groáneffen Johann Peter Wieghardt (Foto im Vordergrund) zu präsentieren. So entstand eine reizvolle Ausstellung - Arbeiten, die von der Flucht Paul Wieghardts vor den Nazis durch Europa, Asien bis hin nach Amerika erzählen, düstere, von der Bedrohung geprägte Werke und heitere, vom Gedanken der Freiheit beseelte Bilder. Dem gegenüber stehen Johann Peter Wieghardts märchenhafte Skulpturen und Installationen. Ab dem 28. Juni bis zum 17. August, Arbeiten von Paul und Johann Peter Wieghardt, Museen der Stadt Lüdenscheid.
(Lüdenscheider Nachrichten, 5./6.Juli 1997)


Westfälische Rundschau, Dortmund Nr. 286 vom 4.12.98
Johann Peter Wieghardt in der "Galerie Henseleit" zu Gast
Der Küntler zwischen Kultur und Wildnis

Von Rainer Wanzelius.
Welcher Ort, hat sich der Künstler Johann Peter Wieghardt gefragt, liegt so ideal auf der Schnittstelle von Zivilisation und Urnatur wie Vancouver? Keiner, hat der ehemalige Sauerländer herausgefunden und ist gleich dageblieben. Wieghardt hatte nicht schlecht verdient im letzten Jahr vor Canada. Aus den Verkäufen seiner Werke konnte er einen längeren Aufenthalt ermöglichen. Ihn interessierte nicht zuletzt die Kunst der Natives, der indianischen Ureinwohner. Welchen Umgang mit der Gegensätzlichkeit von Kultur und Wildnis formuliert diese Kunst? Gibt es Wege der Versöhnung zwischen beidem? Vier Monate im Jahr lebt Wieghardt nun in der unermeßlichen Wildnis, arbeitet mit Umweltorganisationen an Projekten, zum Beispiel gegen die Abholzung der Wälder. In der anderen Zeit, in zwei Stadtateliers, entsteht Kunst. Die, 1äßt uns jetzt eine Ausstellung in der "Galerie Henseleit" spüren, atmet den Geist indianischer Kunst - ohne allerdings diese zu imitieren. Skulpturen und Grafik - sogenannte Löffeldrucke - korrespondieren miteinander; beide konzentrieren sich auf das Thema Schiff. Vor allem die Objekte sind wie von Kinderhand gebastelte Fantasie-Vehikel. Zugleich wird dem Betrachter aber auch klar, daß diese Schiffe als die Transportmittel des Hin und Her zwischen den so schwer in Balance zu bringenden Polen Kultur / Urnatur gemeint sind. Viel Holz treibt da auf Flüssen.


WR 11.12.98
Zwischen Busch und Großstadt

Von Sonja Funke.
Dortmund. "lch kann weder nur in der Stadt wohnen, noch nur im Busch." Johann Peter Wieghardts Arbeiten spiegeln dieses Hin und Her zwischen Natur und Zivilisation. In der Dortmunder Galerie Henseleit stellt er seine Skulpturen, Collagen und Mischtechniken unterm Thema "Oversea" aus. Den gelernten Holzbildhauer verschlug es vor drei Jahren ins kanadische Vancouver. Zuvor hatte er sechs Jahre in Braunschweig "Freie Kunst" studiert, war Schüler von Thomas Viernich. "Mein Kunstbegriff brachte mich nach Vancouver", meint der 32jährige. Denn in Vancouver sind beide Welten, in denen er gerne leben möchte, zwischen denen er sich aber nicht entscheiden kann: der Trubel der Zivilisation und - ein paar Minuten entfernt - die Stille des Busches. Für den gebürtigen Lüdenscheider Wieghardt ist wichtig, was er macht, nicht, womit. Er betrachtet sich als Dingemacher und nutzt die Materialien, die ihm für die Darstellung seiner Sehnsüchte am besten erscheinen. Vielfältig sind seine Arbeiten doch eins haben sie (fast) alle gemeinsam: Sie stellen Boote dar oder enthalten solche. "Ahoi Matrose" heißt eine Arbeit bei der ein Stück Treibholz in einen Teppich eingewickelt, dieser zusammengenäht und an eine Tabakschachtel genagelt ist. Hinter Glas ist ein Schiff in einer Flasche zu sehen, ein Symbol der "Fernsehnsucht". Geschnitzte Boote mit Teddybären entsprechen nicht gerade der klassischen Holzbildhauerei, sind für Wieghardt jedoch gerade Kunst. Gern würde er wieder wie ein Kind denken, findet gerade das Naive künstlerisch. Hauptsache sei, sagt er, daß "die Komponenten passen". Zur Ausstellung gehören auch Wieghardts Konstruktionszeichnungen für sein eigenes Kajak. Sein Traum ist eine lange Reise mit dem Boot, das sogar ein Segel hat. Der Prototyp in einem Miniformat geschnitzt ist ebenso Ausstellungsstück . "Frank ist tot" ist eine Collage, bei der Wieghardt ein Bild Frank Sinatras auseinander geschnitten und wieder zusammengenäht hat. Auf diese Weise beschäftigte er sich mit der amerikanischen Kultur. Und hofft, durch sein Werk irgendwann seine eigene Welt zu finden.


Ruhrnachrichten vom 4.12.98
Johann Peter Wieghardt stellt in Galerie Henseleit aus - Boote befördern Träume

(JG) Boote sind für Johann Peter Wieghardt "Träger von realen Träumen". Der Lüdenscheider Künstler ist vor drei Jahren nach Vancouver ausgereist, um mit den "Ureinwohnern" zusammen als Bildhauer zu arbeiten. Mit einer Ausstellung von Holz-Skulpturen, Zeichnungen, Holzdruck-Fahnen und Objekten eröffnet er die neuen Räume der Galerie Henseleit. Wieghardt hat in Braunschweig Bildhauerei studiert. Vor genau einem Jahr hat er zuletzt in der Galerie ausgestellt. In zehn Boots-Skulpturen spielt Wieghardt mit Symbolen: Teddys hängen an den Masten oder sind Kapitän, tauchen auch auf den großen Fahnen-Holzdrucken immer wieder auf. In den Wand-Objekten kombiniert Wieghardt Boots-Skulpturen mit Treibholz-Fundstücken. Einige witzige Foto-Collagen von Frank Sinatra und einem Spice-Girl mit "Kopfschmerz" ergänzen die Ausstellung.


Foyer, Dortmund
Eingeschifft

Wahrscheinlich konnten noch niemals zuvor soviele Menschen aus reinem Vergnügen unbekannte Länder besuchen. Exotik gehört mittlerweile zum gängigen Gut aller Kaufhof-Kataloge. Doch die Suche der reisewütigen Pauschaltouristen gerät zu einem "Hase und Igel"-Rennen. Wo immer sie das Fremde suchen (...) ist das Bürgertum schon längst eingetroffen. Wirkliche Expeditionen ins Unbekannte bleiben wie zu allen Zeiten den wenigen unerschrockenen Abenteurern vorbehalten. Wem der Mut fehlt, eine Bohrinsel zu besetzen, den venezolanischen Dschungel zu erforschen oder in der Tiefe der Metropole Berlin Rauschgiftsüchtigen zu helfen, der kann von der weiten Welt nur träumen und hoffen, daß seine Phantasie von Zeit zu Zeit in Versuchung geführt wird. Solche Stolpersteine aus Fernweh "baut" der junge - 1966 in Lüdenscheid geborene - Künstler Johann P. Wieghardt. Als kreativer Seeräuber verläßt er den gesicherten Rahmen des Kunstbetriebs, verzichtet auf dekorative Kompositionen genauso wie auf kurzatmige Provokationen und erobert von der terra incognita des Alltäglichen derbe Fundstücke aus denen bootähnliche Objekte entstehen. Was die ärmlichen, grob doch dabei zerbrechlich anmutenden Gestaltungen in Fahrt bringt, ist zunächst ihre offen zur Schau gestellte Materialität. Eine Feder, ein Korken und ein Stück Stoff oder der geheimnisvolle knorrige Holzrumpf gewinnen eine geheimnisvolle Würde, die an archaische Symbole erinnert. Doch bevor die Schiffe den Betrachter in ihren magischen Bann ziehen können, zwinkern ihm die wortgewandten, zum Teil ironisch-witzigen Titel zu: alles nicht so gemeint, oder? Bei Wieghardt begibt man sich eben in unbekannte Gewässer. Wortspiel, abstrakte Skulptur und Piratenschiff sind hier noch einmal alles eins.
(Philipp Möller)


Der Westen /WAZ - 20.05.2010
Johann Peter Wieghardt im Kunstraum: Die nackte Wahrheit

Dortmund. Harte, schöne, brutale und abschreckende Nacktheit: Johann Peter Wieghardt hat sie auf ihre künstlerischen Facetten hin untersucht und zeigt nun "The Naked Truth" (Die nackte Wahrheit) im Kunstraum im Jankas, Braunschweiger Straße 22. Das sucht der Dortmunder Künstler Alexander Pohl nun bereits zum sechsten Mal mit anspruchsvoller Kunst zu füllen. Ein Konzept, dem sich Johann Peter Wieghardt geöffnet hat. Seit Jahren schon lebt er im kanadischen Vancouver, floh sozusagen aus der Zivilisation, um in der Wildnis zu leben und sich von der Kunst der Natives, der Indianer, inspirieren zu lassen. Der brutale Kontrast zur westlichen Konsumhaltung inspirierte ihn zu der Ausstellung: Denn als Wieghardt, der auch in Berlin wirkt, bei seiner Rückkehr den Fernseher einschaltete, stieß er auf Softpornos. Das Thema des menschlichen Körpers als Ware, ja als Gegensatz zur Liebe, setzt er auf mannigfaltige Weise um - in Grafiken, Ölgemälden, Wandobjekten. Keine Beliebigkeit, sondern Prinzip: "Die verschiedenen Techniken sind für mich nur Werkzeuge." Und so sieht er auch die Kunstgeschichte als Brunnen, aus dem er ungeniert schöpft. Michelangelo zitiert er mit kleinen Männertorsi mitsamt Erregungspotential; eine schöne Leonardo da Vinci-Frau wird mit ein wenig roter Farbe zum rotierenden Sexmonster. Der Mensch, er wird und macht sich selbst leicht zum Objekt - früher wie heute.
Bis 13. Juni.
(Nadine Albach)


last update: mai, 2010


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